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2016-01-09

Achimaaz und die Schuhe - meine Lieblingsgeschichte von Ephraim Kishon

(aus dem Buch "Drehn Sie sich um Frau Lot" von Ephraim Kishon)


Israelische Eltern sind glücklich, wenn ihre Kinder ihnen nicht ähnlich sehen, Kinder werden in Israel auf das unglaublichste verwöhnt.
Wer in einem zum Bersten vollen Autobus besteigt und ein Kind im Lebendgewicht von 5 Kilogramm auf dem Arm trägt, bekommt sofort einen Sitzplatz. Wer einen 50 Kilogramm schweren Sack auf dem Rücken hat, muss stehen.
Nicht alle israelischen Kinder sind Genies; nur 85 bis 90%. Unter den restlichen 10 bis 15% findet sich eine ausreichende Anzahl von geistig Minderbemittelten. Keine ausgebildeten, denn das Schulsystem in Israel ist nicht verstaatlicht. Naturbelassene. Ein solcher war Achimaaz, von dem nunmehr die Rede sein soll.

Das ganze Unglück begann damit, dass ich an einer neuen Sorte amerikanischer Schuhe, ihrer Gummisohlen wegen allgemein als "Rubber Soles" genannt, besonderen Gefallen fand. Ich wollte mir unbedingt ein Paar kaufen und betrat zu diesem Zweck das Schuhgeschäft von Herrn Leicht am Mograbi Square.

"Herr Leicht", sagte ich, "ich möchte ein Paar echte Rubber Soles, sämisch, mit amerikanischen Spitzen."

"Einen Augenblick", sagte Herr Leicht und begann seine Regale zu durchstöbern. Es zeigte sich, dass Herr Leicht Rubber-Soles-Schuhe, Sämischlederschuhe und Schuhe mit amerikanischen Spitzen hatte, aber kein einziges Paar, das alle drei Qualitäten in sich vereinigte. Angesichts meiner deutlich zur Schau getragenen Enttäuschung erklärte er sich bereit, einen Botenjungen in sein Filialgeschäft zu schicken, welches sich gegenüber der Hauptpost befand.

"In ein par Minuten haben Sie Ihre Schuhe", sagte er wörtlich und winkte einen Botenjungen heran, einen kleinen Jemeniten von etwa 14 Jahren, dessen außergewöhnlich geringer Intelligenzgrad sich sofort feststellen ließ.

"Höre Achimaaz", sagte Herr Leicht langsam und deutlich. "Du gehst jetzt in unser Zweiggeschäft gegenüber vom Hauptpostamt und verlangst dort ein Paar Rubber Soles, sämisch, amerikanisch, Nummer 7. Die bringst du her. Hast du verstanden?"
"Wozu?", antwortete Achimaaz.
"Na ja", Herr Leicht wandte sich entschuldigend an mich. "Es wäre vielleicht besser, wenn wir dem kleinen Schwachkopf Ihre Schuhe mitgeben, sonst bringt er die falsche Größe". Ich zog meine Schuhe aus, die Herr Leicht in eine leere Schachtel tat und dem Botenjungen übergab.
"Also Achimaaz: Rubber Soles, sämisch, amerikanisch, Nummer 7. Wirst du dir das merken? Ja? Dann lauf!"

"Herr Leicht", stammelte Achimaaz, "ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, Herr Leicht."
"Du weißt doch wo die Hauptpost ist?"
"Ja, das weiß ich."
"Also. Worauf wartest du noch? Es eilt!"

Nach 2 Stunden und 20 Minuten, in denen ich ohne Schuhe dasaß, wussten weder Herr Leicht noch ich, worüber wir noch sprechen sollten, um unsere Nervosität zu verbergen. Alle gängigen Konversationsthemen, vom Wachstum Tel Avivs bis zur Aufnahme Chinas in die UNO, waren bereits erschöpft. Endlich wurde die Türe aufgerissen und Achimaaz stand auf der Schwelle, vollkommen atemlos und mit vollkommen leeren Händen.
"Nu?!", Herr Leicht sprang auf ihn zu. "Wo sind die Schuhe?"

"Mit der Luftpost abgegangen", sagte Achimaaz und holte tief Atem.

Sie sofort angestellten Nachforschungen ergaben folgenden Hergang: Der verwirrte Knabe war in strikter Befolgung der letzten Instruktion, die Herr Leicht ihm erteilt hatte, direkt aufs Hauptpostamt gerannt und hatte sich dort an die Schlange vor dem Schalter Nummer 4 angereiht, weil sie die längste war. Er kam nur langsam vorwärts, denn am Schalter Nummer 4 werden die eingeschriebenen Briefe abgefertigt und ein Bote des Postministeriums hatte ihrer gerade 1200 mitgebracht. Endlich aber war Achimaaz doch an der Reihe.

Erlöst schob er dem Beamten die Schachtel mit meinen alten Schuhe unter die Nase und sagte brav das Eingelernte auf:
"Rubber Soles Sämisch, Amerika Nr. 7."
"Schalter 8", sagte der Beamte. "Bitte weitergehen."
Achimaaz wechselte zur Schlange vor dem Schalter 8, wo die übergewichtigen Briefe gewogen werden.
Auch dort wiederholte er sein Sprüchlein:
"Rubber Soles, Sämisch, Amerika Nr. 7."
"Das ist kein Brief", sagte der Beamte. "Das ist ein Packet."
"Macht nichts", sagte Achimaaz. "Herr Leicht will es so."
"Na schön." Der Beamte zuckte die Schultern und legte die Schachtel auf die Waage. "Das wird dich ein Vermögen kosten. Wohin solls gehen?"
"Rubber Soles Sämisch, Amerika Nr. 7."
Der Beamte sah im Postgebührenverzeichnis unter "Amerika" nach und errechnete die Luftpostgebühr für das entsprechende Gewicht. "3 Pfund 10 Piaster. Mit Eilzustellung?"
"Warum eil?"
"Ist es eilig?"
"Sehr eilig!"
"Macht 58 Piaster mehr. Hast du so viel Geld bei dir Junge?"
"Ich glaube schon." Erst jetzt bemerkte der Beamte, dass auf der Schachtel keine wie immer geartete Adresse angebracht war.
"Was soll das? Warum hast du keine Adresse geschrieben?"
"Ich kann nicht sehr gut schreiben", entschuldigte sich Achimaaz und wurde knall rot. "Wir sind 8 Kinder. Mein ältester Bruder ist schon im Kibbuz und ...."
"Schon gut", unterbrach ihn der Beamte, dessen weiches jüdisches Herz soeben die Oberhand gewonnen hatte, und griff nach einer Feder, um das Packet selbst zu adressieren.
"An wen geht das also?"
"Rubber Soles Sämisch, Amerika Nr. 7", flüsterte in wachsender Verschüchterung der Knabe Achimaaz.
"Rabbi Sol. Sämisch, USA", schrieb der Beamte auf das Paket und knurrte etwas von diesen amerikanischen Juden, die sogar ihre biblischen Vornamen abkürzen und statt "Solomon" nur "Sol." sagen; dann unterbrach er sich aufs neue: "Welche Stadt, zum Teufel? Welche Strasse?"
"Herr Leicht hat gesagt: Gegenüber vom Hauptpostamt."
"Das genügt nicht."
"Rubber Soles, Sämisch, Amerika Nr. 7", wiederholte Achimaaz tapfer. "Mehr hat Herr Leicht nicht gesagt."
"Wirklich ein starkes Stück ....". Der Beamte schüttelte den Kopf und vervollständigte mit erfahrungssatter Sicherheit die Adresse: "Postfach Nr. 7 Brooklyn, N.Y., USA."
"Wer ist der Absender?"
"Herr Leicht."
"Wo wohnt Herr Leicht?"
"Ich weiß nicht. Sein Geschäft ist auf dem Mograbi Square."
Das war der Hergang, soweit er sich rekonstruieren ließ.



Als ich vor einigen Tagen wieder am Schuhgeschäft Leicht vorbeikam, winkte mich Herr Leicht in den Laden und zeigte mir stolz einen Brief von Rabbi Sämisch aus Hartford, Conneticut. (Die falscher Brooklyner Adresse war von der findigen amerikanischen Post richtiggestellt worden.) 
Rabbi Sämisch bedankte sich herzlich für das hübsche Geschenk, bemerkte jedoch, dass er im allgemeinen neue Schuhe vorzöge, weil sie länger hielten. Im übrigen hätte ihn die kleine Aufmerksamkeit, obwohl er sich seit jeher lebhaft für die zionistische Bewegung interessierte, doch ein wenig überrascht.

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